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Ratgeber · Zoll

Antidumping-Zoll 2026 — was Importeure wissen müssen

Antidumping-Zölle können Ihre Importkalkulation drastisch verändern. E-Bikes aus China: bis zu 79 %, Elektroautos: bis zu 35 %, Stahl: über 30 %. Dieser Leitfaden erklärt, wie Antidumping-Maßnahmen funktionieren, welche Waren 2026 betroffen sind und wie Sie Ihre Kosten mit dem Antidumping-Rechner kalkulieren.

⏱ 12 Min. Lesezeit 📅 Stand: Juni 2026 🔗 Rechtsgrundlage: VO (EU) Nr. 2016/1036 (Anti-Dumping-Grundverordnung)

1. Was ist Dumping und warum gibt es Antidumping-Zölle?

Dumping liegt vor, wenn ein Exporteur Waren in ein anderes Land zu einem Preis verkauft, der unter dem Normalwert liegt — also unter dem Preis, zu dem die gleiche Ware auf dem Heimatmarkt des Exporteurs verkauft wird. Diese Praxis kann einheimische Produzenten im Importland nachhaltig schädigen.

Die Europäische Union kann nach den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) und auf Basis der Anti-Dumping-Grundverordnung (VO (EU) 2016/1036) Antidumping-Maßnahmen einleiten, wenn:

  • 1. Dumping nachgewiesen wurde (Vergleich Exportpreis vs. Normalwert)
  • 2. Wesentliche Schädigung der EU-Industrie vorliegt oder droht
  • 3. Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen beidem besteht
  • 4. Die Einführung des Zolls im Unionsinteresse liegt

Das Antidumping-Verfahren dauert in der Regel 12–15 Monate. Zunächst werden vorläufige Maßnahmen eingeführt (gültig bis zu 9 Monate), gefolgt von endgültigen Maßnahmen (gültig bis zu 5 Jahre, verlängerbar durch Auslaufüberprüfung).

⚠️ Wichtig für Importeure

Antidumping-Zölle können bestehende Lieferverträge unwirtschaftlich machen. Sichern Sie sich vertraglich ab, wer den Antidumping-Zoll trägt — Lieferant oder Käufer. Überprüfen Sie vor Vertragsabschluss immer das aktuelle TARIC.

2. Aktuelle EU-Antidumping-Maßnahmen 2026 (Auswahl)

Die EU-Kommission führt aktuell über 100 aktive Antidumping- und Ausgleichszollmaßnahmen gegen verschiedene Länder. Die wichtigsten für den deutschen Importmarkt:

Ware HS-Code Ursprungsland AD-Zollsatz Status
E-Bikes (Elektrische Fahrräder) 8714 99 10 China 48,5–79,3 % aktiv bis 2027
Stahl-Kaltgewalzte Flacherzeugnisse 7209 China, Russland 19,7–35,9 % aktiv
Keramische Fliesen 6907, 6908 China 26,3–36,5 % aktiv bis 2026
Reifen für Busse/LKW 4011 20 China 9,6–57,4 % aktiv
Glasfasergewebe 7019 39 China, Ägypten 17–99,7 % aktiv
Aluminium-Radiatoren 8403 China 29,3 % aktiv
Grafitelektroden 8545 11 Indien 10,1–21,2 % aktiv
Elektro-Pkw (BEV) 8703 80 China 7,8–35,3 % aktiv ab 2024

Diese Tabelle ist eine Auswahl. Vollständige und aktuelle Maßnahmen: EU-Kommission Trade Defence und TARIC-Online.

3. Wie wird der Antidumping-Zoll berechnet?

Der Antidumping-Zoll wird grundsätzlich ad valorem (als Prozentsatz des Zollwerts) berechnet. In manchen Fällen gibt es auch spezifische Sätze (je Stück oder je kg). Die Berechnungsformel:

GESAMTZOLLBELASTUNG

Zollwert (CIF) × (regulärer Zollsatz + AD-Zollsatz)

Beispiel: Zollwert 10.000 € × (6,7 % + 48,5 %) = 5.520 € Zollabgaben

Beispiel E-Bike aus China:
Sie importieren 10 E-Bikes aus China, Einkaufspreis CIF Hamburg 1.500 € je Stück = 15.000 € Gesamtzollwert.

Position Satz Betrag
Zollwert (CIF Hamburg) — 15.000,00 €
Regulärer Zollsatz (HS 8714 99 10) 0 %* 0,00 €
Antidumping-Zoll (VO EU 2019/73, Residualsatz) 79,3 % 11.895,00 €
Zollabgaben gesamt 11.895,00 €
Einfuhrumsatzsteuer (19 % auf Zollwert + Zoll) 19 % 5.110,05 €
Gesamtabgaben 17.005,05 €

* E-Bikes haben im EU-TARIC regulär 0 % Zoll. Durch den AD-Zoll entsteht dennoch eine massive Belastung. Kurskorrektur: Bei kooperierenden Herstellern kann der Satz auf 48,5 % sinken.

Nutzen Sie unseren Antidumping-Rechner, um Ihre konkreten Zollkosten für verschiedene Szenarien schnell zu berechnen.

4. TARIC prüfen: So finden Sie Antidumping-Maßnahmen

TARIC (Tarif Intégré des Communautés européennes) ist die zentrale EU-Zolltarifdatenbank. Sie enthält nicht nur Standardzölle, sondern auch alle handelspolitischen Maßnahmen — Antidumping, Ausgleichszölle, Safeguard-Maßnahmen und Embargos.

  1. 1

    TARIC aufrufen

    Öffnen Sie ec.europa.eu/taxation_customs/dds2/taric und wählen Sie die Sprache (Deutsch verfügbar).

  2. 2

    Warencode eingeben

    Tragen Sie Ihre Warentarifnummer (HS-Code, 8- oder 10-stellig) in das Suchfeld ein. Wenn Sie die Tarifnummer noch nicht kennen, nutzen Sie unseren Leitfaden „Warentarifnummer finden".

  3. 3

    Ursprungsland auswählen

    Wählen Sie das Ursprungsland der Ware aus der Länderliste. TARIC zeigt nur länderspezifische Maßnahmen korrekt an.

  4. 4

    Maßnahmen prüfen

    In den Ergebnissen sehen Sie: regulärer MFN-Zollsatz, eventuelle Präferenzzölle (FTA), Antidumping-Maßnahmen (ADD), Ausgleichszölle (CVD) und sonstige Schutzmaßnahmen. Antidumping-Maßnahmen erscheinen in der Spalte „Suspensions, reductions and other tariff measures".

  5. 5

    Verordnung notieren

    Notieren Sie die Verordnungsnummer (z. B. „VO (EU) 2019/73"). Diese benötigen Sie für die Zollanmeldung (ATLAS-Feld 36: Präferenz) und für Ihre Kalkulation.

Tipp: TARIC-Ergebnis interpretieren

TARIC zeigt häufig mehrere mögliche Sätze an (für verschiedene Hersteller-Codes). Ohne spezifischen Herstellercode gilt immer der höchste Residualsatz (Auffangzollsatz). Klären Sie den Code Ihres Lieferanten vorab — das kann tausende Euro Unterschied bedeuten.

5. Herstellercodes und individuelle Antidumping-Sätze

Ein wichtiges Merkmal der EU-Antidumping-Praxis ist die Herstellerdifferenzierung. Hersteller, die aktiv an der EU-Untersuchung mitgewirkt haben (Fragebogen beantwortet, Betriebsprüfung zugelassen), erhalten oft einen individuellen, niedrigeren Satz.

Dieser Herstellercode (auch TARIC-Zusatzcode genannt, ein vierstelliger alphanumerischer Code z. B. „C001") muss in der Zollanmeldung in ATLAS im Feld 36 eingetragen werden. Ohne diesen Code gilt der höhere Residualsatz.

Kategorie Beschreibung Typischer Satz
Kooperierender Stichprobenhersteller Hersteller, der vollständig mit der Untersuchung kooperiert hat Niedrigster individueller Satz (z. B. 48,5 %)
Kooperierender Nicht-Stichprobenhersteller Hat kooperiert, aber nicht in der Stichprobe Gewichteter Durchschnitt (z. B. 62,1 %)
Nicht-kooperierender Hersteller Hat nicht an der Untersuchung teilgenommen Höchster Residualsatz (z. B. 79,3 %)
Unbekannter Hersteller / ohne Code Kein TARIC-Zusatzcode in der Anmeldung Residualsatz — immer der höchste Satz

Den TARIC-Zusatzcode Ihres Lieferanten können Sie direkt beim Lieferanten erfragen oder im TARIC-System nachschlagen. Beachten Sie: Falsche Angaben in der Zollanmeldung können als Zollhinterziehung gewertet werden.

6. Umgehung von Antidumping-Zöllen: Risiken

Die EU-Kommission hat ein aktives Anti-Circumvention-Programm. Typische Umgehungsversuche, die die Kommission untersucht und ggf. mit Ausdehnung der Maßnahmen belegt:

Verlagerung der Endmontage in Drittländer

Beispiel:

Verlagerung der E-Bike-Montage von China nach Thailand ohne wesentliche Wertschöpfung

Risiko:

Ausdehnung der Maßnahme auf das Drittland (Anti-Circumvention-Verordnung)

Falsche Ursprungsdeklaration

Beispiel:

Deklaration der Ware als „Made in Vietnam" obwohl der Ursprung China ist

Risiko:

Strafrechtliche Verfolgung, Nacherhebung, Einfuhrverbot

Marginale Veränderungen am Produkt

Beispiel:

Leichte Modifikation am E-Bike-Motor um eine neue Tarifnummer zu erreichen

Risiko:

Neueinstufung durch den Zoll, rückwirkende Nacherhebung

Falschangabe des Lieferanten/Herstellers

Beispiel:

Verwendung des Codes eines kooperierenden Herstellers für Ware eines anderen

Risiko:

Zollhinterziehung, Nacherhebung des Differenzbetrags + Zinsen

7. Ausgleichszölle (CVD): der Unterschied zu Antidumping

Neben Antidumping-Zöllen kann die EU auch Ausgleichszölle (Countervailing Duties, CVD) erheben. Der Unterschied:

Merkmal Antidumping (ADD) Ausgleichszoll (CVD)
Grundlage Verkauf unter Normalwert (Preisdumping) Staatliche Subventionen im Ursprungsland
Rechtsgrundlage VO (EU) 2016/1036 VO (EU) 2016/1037
Beispiel E-Bikes aus China 79,3 % Solarmodule aus China (früher aktiv)
Kumulierung Kann mit CVD kombiniert werden Kann mit ADD kombiniert werden, aber nur bis zur tatsächlichen Schädigung
WTO-Basis WTO Anti-Dumping Agreement (ADA) WTO SCM Agreement (Subsidies and Countervailing Measures)

Beide Maßnahmen können gleichzeitig auf dieselbe Ware angewendet werden, werden aber nur bis zur tatsächlichen Schadensmarge kombiniert (Nicht-Kumulierungsregel nach Art. 24 VO 2016/1036).

8. Antidumping-Rechner: Ihre Kosten im Griff

Um Ihre genaue Zollbelastung inklusive Antidumping-Zoll zu berechnen, nutzen Sie unseren kostenlosen Antidumping-Rechner. Sie geben ein:

  • • Warenwert (CIF)
  • • Regulärer Zollsatz aus TARIC
  • • Antidumping-Zollsatz (aus TARIC, herstellerspezifisch)
  • • Einfuhrumsatzsteuer-Satz (7 % oder 19 %)

Der Rechner gibt Ihnen sofort Zollabgaben, Antidumping-Anteil, EUSt und Gesamtabgaben — für Ihre Kalkulation oder als Entscheidungsgrundlage, ob sich der Import trotz AD-Zoll noch lohnt.

Häufige Fragen zu Antidumping-Zöllen

Was ist ein Antidumping-Zoll? ▼
Ein Antidumping-Zoll (AD-Zoll) ist eine zusätzliche Einfuhrabgabe, die die EU auf bestimmte Waren aus bestimmten Ländern erhebt, wenn diese zu einem Preis unterhalb des normalen Marktwertes im Ursprungsland exportiert werden. Er soll EU-Produzenten vor unfairem Preiswettbewerb schützen und wird zusätzlich zum regulären Zollsatz erhoben.
Wie hoch sind typische Antidumping-Zölle? ▼
Antidumping-Zölle variieren stark je nach Ware und Hersteller: für E-Bikes aus China 48,5 % bis 79,3 %, für Solarmodule bis zu 64,9 % (inzwischen ausgelaufen), für Stahlerzeugnisse 25–35 %, für Keramikfliesen aus China 26,3–36,5 %. Die exakten Sätze finden Sie im TARIC-System der EU-Kommission.
Wie prüfe ich, ob meine Ware Antidumping-Zölle hat? ▼
Über TARIC (Integrated Tariff of the European Union) unter ec.europa.eu/taxation_customs/dds2/taric. Geben Sie die Warentarifnummer (HS-Code) und das Ursprungsland ein — TARIC zeigt alle anwendbaren Zölle inklusive Antidumping, Ausgleichszölle und Safeguard-Maßnahmen an.
Gilt der Antidumping-Zoll für alle Hersteller aus dem betroffenen Land? ▼
Nein. Die meisten AD-Maßnahmen haben herstellerspezifische Sätze. Hersteller, die in der EU-Untersuchung kooperiert haben, erhalten oft einen individuellen, niedrigeren Satz. Nicht-kooperative oder nicht überprüfte Hersteller erhalten den höchsten „Residualsatz". Die TARIC-Datenbank weist die Herstellercodes aus.
Was passiert, wenn Antidumping-Zölle umgangen werden? ▼
Die EU-Kommission bekämpft aktiv Umgehung von AD-Zöllen (Anti-Circumvention). Typische Umgehungsrouten (z. B. Montage in Drittländern ohne ausreichende Bearbeitung) werden untersucht und mit Ausweitungsbescheiden auf das Drittland ausgedehnt. Bei vorsätzlicher Umgehung drohen Strafzölle, Nacherhebungen und in schweren Fällen Strafverfolgung.
Kann ich gegen Antidumping-Maßnahmen vorgehen? ▼
Als Importeur können Sie an EU-Antidumping-Untersuchungen als „interessierte Partei" teilnehmen und Stellungnahmen einreichen. Außerdem ist eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) möglich, wenn Sie rechtliche Fehler im Verfahren sehen. In der Praxis agieren größere Importeure oft über Branchenverbände.

Weiterführende Tools & Leitfäden

Quellen: VO (EU) 2016/1036 (Anti-Dumping-Grundverordnung); VO (EU) 2016/1037 (Antisubventions-GVO); WTO Anti-Dumping Agreement; EU-Kommission Trade Defence — Offizielle Maßnahmenübersicht; TARIC-Datenbank der EU-Kommission.